Kindheit und Flucht

Im April 1939 entkommt der fünfzehnjährige Fritz mit einem Kindertransport nach Malmö und landet schlussendlich in Stockholm.

Friedrich Schächters ältere Schwester Edith Schmitz ist mit über 94 Jahren die wichtigste Quelle für Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und Jugend.

In einem Telefon-Interview betonte sie im März 2013 unter anderem: „Wir waren beide so behütete Kinder. Fritz war ein außergewöhnliches Kind. Mit 2,5 Jahren bekam er eine Blinddarmentzündung. Da er sehr gerne mit Holzmatador spielte und komplizierte Sachen baute, wünschte er sich als Belohnung für die bevorstehende Operation einen Metall-Matador. Als er aus der Narkose erwachte, waren seine ersten Worte: "Wo ist mein Eisenmatador?" Bald bastelte er damit stundenlang herum. Unser Vater schenkte ihm kleine Aufziehmotore, die dann zur Beförderung seiner Maschinen dienten."

Vater Ruben Schächter betrieb einen Lederbekleidungsbetrieb in der Thaliastraße, im 16. Bezirk, die Familie wohnte im 6. Bezirk, in der Schmalzhofgasse 9.

Als Fritz vier Jahre alt war, wurden die Gaslampen im nahegelegenen Park, am Loquaiplatz, wo die Geschwister oft spielten, durch elektrisches Licht ersetzt. Fritz, an der Hand seiner Mutter, schaute traurig zu und begann zu weinen: „Was werde ich später zu tun haben, wenn das alles schon jetzt gemacht wird…?"

Seine Spielkameraden waren meist älter als er, trotzdem fanden sie ihn interessant. Er erstaunte sie mit seinen Einfällen. So lange er die „Schaumrolle" trug, wurde er manchmal rau behandelt. Aber bald hatte er einen Beschützer, den sogenannten „Messerstecher". Ein armer Bub, ungefähr vier Jahre älter als er. Unsere Mutter war entsetzt: „Das ist doch kein Umgang für dich!" Fritz erwiderte: „Warum nicht? Er ist sehr gut zu mir, verteidigt mich und die anderen fürchten sich vor ihm." Eines Tages brachte er ihn mit nach Hause. Der „Messerstecher" erklärte, dass Fritz sein bester Freund wäre. Er blieb zum Nachtmahl und kam oft wieder.

Die Neugierde des kleinen Fritz kannte keine Grenzen. Einmal warf er einen wertvollen Ring seiner Mutter in den Dauerbrandofen. Er wollte wissen, was damit geschieht. Dem Zahnarzt, vor dem er sich fürchtete, befahl er: „Zeige mir all deine Instrumente, und erkläre mir, wozu sie dienen."

Fritz besuchte die Klasse 2A der Volksschule Wien 6, Corneliusgasse als die Aufgabe gestellt wurde einen Phantasie-Aufsatz zu schreiben. Darin schilderte Fritz das Zeitalter der Saurier und erklärte anschaulich die Entstehung der Kohle. Der Aufsatz war so herausragend gut, dass der Lehrer zu Hause bei den Eltern anrief, um ihnen von dieser erstaunlichen Erzählung zu berichten. So etwas wäre diesem noch nie untergekommen.

Mit etwa sieben Jahren bekam Fritz von seinem Vater einen Malkasten und eine Staffelei geschenkt. „Zuerst hat er vieles kopiert und Illustrationen aus Büchern abgepaust, dann hat er auch Eigenes gezeichnet und gemalt. Eine Fotografie zeigt ihn in unserem Speisezimmer an einer kleinen Landschaftsszene arbeitend. Bald begann er sich für Porträtmalerei zu interessieren. Zuerst arbeitete er nach Fotografien und dann wollte er Eigenes schaffen. Sein erster Mäzen war Onkel Oskar Weingeist, ein äußerst liebenswürdiger Mann, der nicht nur geduldig für ihn Porträt saß, sondern Fritz mit der unerhörten Summe von zehn Schilling belohnte. Das war nicht wenig im Jahr 1936!"

1936, als Fritz zwölf Jahre alt war, „verbrachten wir die Sommerferien in Puchberg am Schneeberg. Der dortige Verschönerungsverein besaß eine Karte der Umgebung, die nicht mehr sehr schön war. Fritz zeichnete eine Neue und schenkte sie dem Verein. Der Bäckermeister des Ortes, der auch der Bürgermeister war, belohnte ihn mit einer großen Torte."

1938 musste Friedrich Schächter die 4. Klasse des Esterhazy-Realgymnasiums wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen. Er kam zu einem Schildermaler im Durchhaus Schmalzhofgasse zur Mariahilferstraße in die Lehre.  Bald gab ihm der Meister zu verstehen, dass er Fritz nichts Weiteres zu lehren habe. So entschloss er sich ins Atelier des Wiener Grafikers Viktor Theodor Slama zu wechseln.

Über den Stimmungsumschwung in der Bevölkerung berichtet Edith, dass vom nahegelegenen „Braunen Haus" in der Hirschengasse immer öfter lauter Gesang zu hören war. Es waren „Illegale", die dort einen ihrer Treffpunkte hatten. Ihr sind Liederzeilen des Heckerlieds von 1848, das die Nazis ihren Vorstellungen gemäß umgedichtet hatten, noch heute geläufig: „…wenn das Judenblut vom Messer spritzt…".

Schon im Februar 1938 versuchte die hellhörige Edith ihren Vater zu überreden Österreich zu verlassen. Anlässlich des für Sonntag, den 13. März angekündigten Plebiszits hielt Hitler seine erste Ansprache in Wien. Am Freitag, 11. März 1938 wurde nachmittags im Rundfunk ununterbrochen die Schubert-Rosamunde-Ouvertüre gespielt, bis um 19h30 desselben Tages Schuschnigg ins Mikrofon sagte, dass den einmarschierenden Truppen kein Widerstand entgegen zu setzen sei und dass Gott Österreich schützen möge. Zwei Tage später kam Schuschnigg ins KZ Dachau. Die Pässe von Juden wurden für nicht mehr gültig erklärt, außerdem hätte die schon achtzehnjährige Edith ein Visum benötigt. Sie besuchte zu dieser Zeit die achte Klasse des Mariahilfer Mädchengymnasiums und durfte an dieser privaten Schule noch maturieren.

Vater Ruben Schächter war optimistisch und schätzte - wie viele andere jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen - die kursierenden Gerüchte über die bevorstehende Judenvernichtung falsch ein. Als österreichischer Patriot lehnte er eine Auswanderung ab, und wollte auch kein Geld ins Ausland transferieren. "Mein Vater wurde am 30. Juni 1938 in Wien verhaftet und einige Tage später in dasKonzentrationslager Dachau überführt. Dort blieb er über 3 Monate und wurde dann nach dem Lager Buchenwald-Weimar transportiert. Anfang Januar 1939 erbot sich meiner Mutter die Möglichkeit, eine Schiffskarte für ein nach der Insel Barbados gehendes Schiff zu kaufen. Auf Grund dieser Schiffskarte wurde es meiner Mutter gestattet für meinen Vater die zur Ausreise nötigen Papiere zu besorgen. Am 24. Januar wurde mein Vater aus dem Konzentrationslager entlassen und kam nach Hause. Am 30. Januar reiste er mit dem Sammelzug des Reisebüros Centrum (bei dem die Karte gekauft worden war) nach Hamburg und verließ am 2.2. den Hafen. Mit ihm befanden sich einige Hundert andere aus Konzentrationslagern Entlassene teilweise mit Familie. In Barbados wurde dem Schiffe die Landung verweigert. Der Kapitän versuchte vergebens in umliegenden Ländern oder Kolonien die Landungserlaubnis zu erhalten. Das Schiff war bereit nach Hamburg zurückzufahren, als sich die venezuelanische Regierung mit der Landung einverstanden erklärte und so die meisten Reisenden vor abermaliger Lager-Haft rettete." (aus Friedrich Schächter über seinen Vater, oD, ca. 1941, im Riksarkivet Avdelning Arninge, The National Archives of Sweden in Arninge, Stockholm) Ruben Schächter verstarb 1943 in Venezuela an Lungenversagen ohne seine Familie jemals wieder gesehen zu haben.

Im März 1939 konnte Edith Schächter mit einem "domestic permit" (= Ausreisegenehmigung für Hausgehilfinnen?) entkommen und nach England fliehen. Dort war sie eineinhalb Jahre als Haushaltshilfe bei einer Familie in London tätig. Auch Mutter Bertha gelang als Begleiterin des letzten Kindertransports, am 31.August 1939, die Flucht nach London.

Im April 1939 feierte Friedrich Schächter seinen 15. Geburtstag. Ein Nachbar der Familie - und Zeuge Jehovas - machte Schächters Mutter Bertha darauf aufmerksam, dass man der Meinung war, Fritz wäre bereits achtzehn Jahre alt, und würde eigentlich schon in ein Arbeitslager gehören. Deshalb bot er sich an, seine Verbindungen zu einem schwedischen Kindertransport für die Rettung von Fritz zu nützen und arrangierte, dass Friedrich Schächter am 26. April 1939 Österreich in Richtung Malmö verlassen konnte.   

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