Schächter als Künstler


Friedrich Schächter, Interieur mit schwarzem Tisch, Öl/Leinwand, 1944

Ein weiteres Interieur mit gestreiftem Sessel scheint im selben Jahr entstanden zu sein: die weiß-blauen, noblen Farben des Sessels und der rechts stark beschnittenen Sitzbank werden durch die braun-ocker Töne des Fußbodens in ihrer Wirkung verstärkt.

Sein Interieur mit Kamin von 1946 ist eine in ihrer Ausgewogenheit reife Komposition in zarten Farben, die delikat und locker aufgetragen sind. Zwischen den entschieden gezogenen Pinselstrichen bleibt noch manchmal die grundierte, leicht getönte Leinwand sichtbar.

Etwa zur gleichen Zeit sind zwei Ölbilder entstanden, die auf Vorder- und Rückseite eines Kartons gemalt wurden: Interieur mit Teekanne und Kamin sowie Tischchen vor Wand mit Bild und Spiegel . Im Teekannen-Bild werden mehrere Horizonte verwendet, um Auf- Schräg- und Frontalansichten auf der Fläche gleichzeitig zu zeigen. Damit verweist Schächter auf den späten Cézanne, den „großen Gegenspieler des Expressionismus“, wie Fritz Novotny den bahnbrechenden Meister aus Aix bezeichnete, der zu Recht als Vater der Moderne bezeichnet werden kann.Im Spiegel-Bild werden Lichtreflexe, Hell-Dunkel-Effekte und Spiegelungen malerisch locker umgesetzt.

Mädchen auf Sofa und Sitzender Fußballer beeindrucken durch ihre flächig zusammengefassten Formen, die von Streifenelementen aufgelockert werden.

Zwei Öl-Studienköpfe einer Freundin von 1954 zeigen bereits eine sichere Selbstverständlichkeit im Umgang mit seinen malerischen Möglichkeiten.

Auf der ersten internationalen Graphik-Biennale in der Wiener Secession 1972 wurde Schächters MINITEK-Kugelschreiber-Prüfmaschine als progressives Kunstwerk präsentiert, was er ironisch als Anerkennung seiner konzeptuellen Arbeit verstand. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist das vollkommene Missverständnis der Kritik, die die eigentliche Bedeutung dieser weltweit verwendeten Ultra-Präzisions-Testmaschine aus Unwissen falsch einschätzte und ausschließlich in einem spezifisch wienerischen, oberflächlichen Kunst-Kontext deutete.

In der Aronson-Collection in Schweden befinden sich neben Stillleben, Portrait- und Aktbildern in Öl auch Pastell- und Wasserfarbenmalereien, wobei besonders auf die zwei Landschaften Stopp Halland I und II aus 1980 hinzuweisen wäre.

Das Gipsmodell eines weiblichen Torsos dürfte um 1955 entstanden sein. Etwa dreißig Jahre später ließ er drei Bronze-Abgüsse davon in Mailand anfertigen. Weitere Sammlungen von Werken Friedrich Schächters befinden sich in London, in Kanada, in den USA und in Wien.

Schächters großes künstlerisches Potential manifestiert sich am unmittelbarsten in seinen Aktstudien , die er auch später – als ihm seine Erfindertätigkeit und seine Verpflichtungen als Unternehmer kaum mehr Zeit ließen – immer wieder leidenschaftlich gerne zeichnete. Gelegenheit dazu fand er vor allem bei den Besuchen der von gemeinsam mit Prof. Claus Pack und mir geleiteten Seminare im Rahmen der Internationalen Sommerakademien in Salzburg und Bruneck sowie während des WEINVIERTLER KULTURSOMMERs bzw. dann der INTERNATIONALEN SOMMERSEMINARE im Weinviertel WKS bzw. ISoS (1982 – 1997 www.weinviertler-kultursommer.at ).

Sehr beliebt waren auch die Akt-Studienabende zusammen mit Claus Pack und Ernst und Rixta Kloss bei Familie Stein in Wien.

Friedrich Schächter als Kunstfreund und Mäzen

Ein großes Anliegen war ihm der Besuch von Ausstellungen. Nur einige der letzten herausgegriffen:

1996 reiste er nach Den Haag, um mit Freunden und mir die erste ausschließlich der Kunst Vermeers gewidmete Ausstellung zu sehen.

Im Dezember 1997 brachte Fritz Schächter von einer seiner zahlreichen Paris-Geschäftsreisen einen Katalog des Musée d´Orsay mit. Selten erzählte er von einer Ausstellung so begeistert wie von der des dänischen Malers Vilhelm HammershØi (1864 – 1916). Die geheimnisvolle, an Vermeer und Chardin erinnernde Stille der Gemälde faszinierte ihn. Die ästhetisch höchst anspruchsvolle Reduktion der Palette vor allem auf Erdfarben und feinste Grauwerte erzeugt eine sublime Grundstimmung, die über der klassisch anmutenden, summarisch aufgefassten Form HammershØis liegt. Die strengen Gesetzmäßigkeiten folgenden Kompositionen werden durch beglückende Licht-Effekte belebt und akzentuiert. Der einsame Weg, abseits vom Mainstream dieses erst seit kurzem wieder als bedeutend wahrgenommenen Malers faszinierte ihn.

Seit 1972 ließ Friedrich Schächter von seinen Sekretärinnen Anna Fiedler und ab 1982 von Jutta Völz jährlich über hundert Gutruf-Linoldrucke als Weihnachtsgrüße der MINITEK weltweit verschicken. Waren Kind mit Komet und Engel und Apparizione Natalizia noch den Maschinenlandschaften zuzurechnen, so folgten ab 1976 mit La Natività nach Nicolas Poussin Linoldrucke der Serie Kleine Variationen nach großen Meistern. 2000 und 2001 wurden von der Firma Friedrich Schächter die letzten Festtagsgrüße versandt; die Serie versteht sich als Work in progress und zählt bis heute 97 Blätter.

Auch meine großen internationalen Ausstellungen unterstützte Fritz des öfteren, selbst wenn er keine Gelegenheit fand sie selbst zu besuchen: so verfasste er etwa für die Gutruf-Spotlights-Schau in Pretoria 1998 das Vorwort und sponserte zusätzlich die Herstellung des Katalogs. Sein Text schloss folgendermaßen:

Mit den großformatigen Tafeln und Objekten des in Arbeit befindlichen Space-Zyklus eröffnet der Künstler neue Sphären von Bildwelten; er verwendet eine erstaunliche Vielfalt bisher nicht oder selten genützter Techniken, Materialkombinationen mit überraschenden Effekten ebenso wie seine unverwechselbare Malerei. Gutrufs puristischer, intellektuell begründeter Perfektionismus, seine utopische und in bewusstem Widerspruch zur post-post-modernen Ästhetik befindliche Sehnsucht nach dem absoluten Kunstwerk erhält plötzlich spielerische Züge, die möglicherweise eine weitere Phase seines Schaffens einleiten".

Im März 1999 konnte er es einrichten, anlässlich meiner Ausstellung im Museo da Electricidade für einige Tage nach Lissabon zu kommen. Zur Eröffnung der Gutruf-Ausstellung im International Yi Yuan Museum in Peking im Jahr 2000 kam er schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr – er sponserte aber auch dieses Projekt mit einem namhaften Betrag.

Anfang 2002 lud er mich nach New York ein, um mir das von ihm gestiftete Schaechter Scholarship for Advanced Studies zu überreichen.

Mit seiner letzten Auslandsreise erfüllte er sich einen langgehegten Wunsch: er wollte die Scrovegni-Kapelle in Padua mit den einzigartigen Giotto-Fresken und Florenz sehen, das er bisher nur von vielen meiner Aquarelle her kannte. So fuhr ich mit ihm und meiner Frau Heidi über Padua nach Florenz.

Friedrich Schächter als Kunstsammler

Als Kunstsammler war Fritz fast ausschließlich Gutruf-Sammler. Seit 1968 erwarb er Arbeiten von mir und wurde so zu einem meiner wichtigsten Förderer.

Drei Ölbilder hängte er bei sich auf: Stillleben mit Maschinenlandschaft, heute in London, Stillleben mit Messinstrument, Collection Anne Schmitz, Kanada und Interieur mit Tisch, Holzblumen und Maschinenlandschaft, heute Syracuse, USA.

Die Mappen mit den zahlreichen Zeichnungen und Aquarellen, die er von mir im Lauf der Jahre kaufte, gab er mir zur Aufbewahrung wieder mit ins Atelier.

Um 1990 erwarb er eine Bleistift-Zeichnung von Josef Mikl, die er mir kurz darauf schenkte. Etwa um diese Zeit ersteigerte Schächter im Dorotheum eine kleine, besonders schöne und fantastisch gut erhaltene ägyptische Figur aus schwarzem Marmor, die er nach kurzer Zeit dem Kunsthistorischen Museum Wien zueignete. Als Dank dafür erhielt er eine Jahres-Eintrittskarte…

Die mir mit zahlreichen anderen Dokumenten übergebene Weltraumkugelschreiber-Original-Zeichnung einer Friedenstaube, die der russische Kosmonaut Leonov im Rahmen der Weltraumausstellung 1968 anfertigte, schenkte ich dem Technischen Museum Wien zur Komplettierung der Schächter-Sammlung.

In Paris, Berlin, Zürich, Basel, Wien und New York besuchte Fritz in der kargen Freizeit, die er sich gönnte, namhafte Privatgalerien, um Ausstellungen zu sehen, um die neuesten Trends der Kunstszene genauso wie die zeitlosen Qualitäten der unvergänglichen Meisterwerke in den Museen zu studieren.

Das Anhäufen von Besitztümern war Friedrich Schächter als Multimillionär kein Anliegen – deshalb kaufte er keine Eigentumswohnungen, keine Häuser, kein repräsentatives Auto und auch keine besonders wertvollen sonstigen Objekte außer einigen Jugendstilmöbeln. Ihm genügte das, was er zur Arbeit, zur Realisierung seiner Visionen brauchte (z.B. die genauesten und teuersten Maschinen, Werkzeuge, Materialien) und war glücklich, sonntags allein mit zwei Schinkensemmeln in die Firma zu fahren, die Maschinen anzuwerfen um seiner Passion des spielerischen Herumprobierens, des Tüftelns – auch durch das Provozieren künstlicher Katastrophen – frönen zu können.

Zusammenfassend kann mit Gerhard Brutzkus festgestellt werden:

Fritz war ein begnadeter Erfinder technischer Produkte – aber er war seiner Denkweise nach eigentlich immer Künstler. Er war als Techniker Autodidakt und deshalb nicht in fachspezifischen Konventionen befangen. Seine Überlegungen waren philosophischer Natur, Umsetzungen raum-zeitlicher Konstellationen, Prozesse und Vorstellungen. Vielleicht war dieser Umstand auch das Geheimnis seiner meist unorthodoxen Lösungen. Er präsentierte immer wieder radikale Ideen, die zeitgenössische künstlerische Problematik, Präzision, Messung und Dokumentation auf oft überraschende, aber letztlich immer überzeugende Art vereinigten.

Brutzkus gegenüber merkte Schächter schon früh an, kein „Sonntagsmaler“ werden zu wollen. Deshalb konzentrierte er sich immer mehr darauf, seine Kreativität auf den technischen Bereich zu fokussieren – und wurde somit zum „Kuli-Professor“, zum vielleicht wichtigsten Vollender des heute so selbstverständlich perfekt funktionierenden Kugelschreibers.

Gerhard Gutruf, März 2015.

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Schächter - Kunstwerke aus 1946

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